Das Bildungsministerium zweifelt die Aussagekraft einer Umfrage zu G8 an. Die Elternvertretung lässt das nicht auf sich sitzen. Selten war das Klima so schlecht.

Das Thema hat sich aus Sicht der Landesregierung längst erledigt. Einen Beschluss, zum neunjährigen Gymnasien zurückkehren, wird die große Koalition bis zur Landtagswahl 2022 nicht treffen, darüber herrscht Einigkeit. Auch die Lehrerverbände sind gegen eine neue Reform der Schulstrukturen – unter anderem weil G9 an Gymnasien wohl zulasten der Gemeinschaftsschulen gehen würde.

Die Landeselternvertretung der Gymnasien gibt indes nicht auf und wähnt bei ihrem Kampf für G9 die Mehrheit der Eltern saarländischer Gymnasiasten hinter sich. Im Herbst hatte sie tausende Fragebögen an Eltern verteilt. Von den 7295 Bögen, die zurückkamen, waren 83 Prozent für G9. Spricht die LEV also für die Mehrheit der Eltern?

Für die LEV stellt sich die Frage gar nicht. Für das Bildungsministerium aber schon. Die Beteiligung bei der Umfrage – 7295 Antworten bei mehr als 24 000 Schülerinnen und Schülern an Gymnasien – lag also bei rund 30 Prozent. „Aufgrund der relativ geringen Beteiligung von nur knapp einem Drittel der Eltern an der Umfrage kann hier keine Aussage getroffen werden, ob sich die Mehrheit der Eltern an den Gymnasien für eine Rückkehr zu G9 ausspricht“, teilte das Bildungsministerium kürzlich der Linken-Abgeordneten Barbara Spaniol mit. https://www.landtag-saar.de/File.ashx?FileId=13097&FileName=Aw16_1325.pdf&directDL=false

Das brachte die LEV der Gymnasien richtig in Rage. „Wenn im Kulturministerium die Bildung fehlt, ist das tragisch. Wenn es im Bildungsministerium allerdings selbst an Grundlagenwissen in Empirik und Statistik fehlt, ist das eine Bankrotterklärung“, erklärte die LEV-Vorsitzende Katja Oltmanns. Das Verhältnis von LEV und Ministerium scheint einen Tiefpunkt erreicht zu haben. Die Interpretation des Ministeriums hält sie für einen „Affront gegen das ehrenamtliche Engagement und die nachvollziehbare und objektiv nachweisbare Validität der Befragung“.

Es geht nicht allein um Statistik. Die LEV der Gymnasien fühlt sich mit ihrem Anliegen „G9“ vom Bildungsressort generell nicht ernstgenommen. Dabei war es die SPD, die vor der Landtagswahl 2017 angekündigt hatte: „Wir werden für Wahlfreiheit zwischen G8 und G9 auch an den Gymnasien sorgen.“ In den Koalitionsverhandlungen mit der CDU war dies allerdings nicht durchsetzbar. Stattdessen delegierte man die Frage an eine Kommission aus Vertretern der Landesregierung, der Lehrerverbände und Elternvertretungen. Diese Kommission, so das Ministerium, habe es als dringlich angesehen, zunächst die Frage der Gleichwertigkeit der beiden Schulformen Gymnasien und Gemeinschaftsschulen zu thematisieren. Im Jahr 2020 sind zwei bis drei weitere Sitzungen insbesondere zu den Themen G8/G9 sowie zur Schulsozialarbeit geplant. Der Abschlussbericht der Kommission soll in der ersten Jahreshälfte 2021 dem Ministerrat vorgelegt werden, kündigt das Ministerium an.

„Die Kommission ist eine Farce“, sagt die LEV-Vorsitzende Katja Oltmanns. „Sitzungen fanden kaum und unter der neuen Hausspitze überhaupt nicht statt. Diskussionen wurden vom früheren Bildungsminister im Keim erstickt, stattdessen nicht abgestimmte und darum nicht tragbare Papiere verfasst.“ Auf die Einwände und Vorschläge der LEV Gymnasien werde in keiner Weise eingegangen.

Der SPD-Bildungspolitiker Jürgen Renner wies die Kritik zurück: In der Expertenkommission sei die LEV der Gymnasien nicht erkennbar. „Keine nennenswerten Vorschläge zu Fragen der Gleichwertigkeit von Gemeinschaftsschulen und Gymnasien oder etwa zur Schulsozialarbeit und zu multiprofessionellen Teams. Alle Schritte der Kommission wurden einvernehmlich geklärt.“ Dass die Kommission entgegen der ursprünglichen Absicht in diesem Jahr noch nicht getagt habe, sei auch der Krisensituation geschuldet.

Link zur Pressemitteilung der LEV Gymnasien: http://lev-gymnasien.de/wenn-im-kulturministerium-die-bildung-fehlt/